Skip to main content
Nachgefragt...

Nachgefragt… das vereinfachte Ertragswertverfahren – eine echte Alternative?

Im zweiten Teil unserer kleinen Serie rund um eine Unternehmensbewertung bei Familienunternehmen heute ein paar Gedanken zum sog. „vereinfachten Ertragswertverfahren“.

Anwendungsbereich des vereinfachten Ertragswertverfahrens

Das vereinfachte Ertragswertverfahren ist im steuerlichen Bewertungsgesetz normiert und findet vor allem bei der Erbschaft- und Schenkungsteuer Anwendung, aber auch im Ertragssteuerrecht.

Wichtig: Die Vereinfachungen der Verkehrswertermittlung gehen leider zu Lasten der Genauigkeit und führen damit häufig zu völlig unzutreffenden Ergebnissen. Denn das vereinfachte Ertragswertverfahren ist kein betriebswirtschaftliches Bewertungsverfahren, allein schon deshalb, weil es auf steuerlichen Vergangenheitswerten basiert. Wie der Name sagt, ist es als aufwandsreduzierende Alternative für bestimmte Fälle – insbesondere im Steuerrecht – konzipiert. 

Seit 2009 wird die Erbschafts- bzw. Schenkungssteuer bei der Übertragung von Unternehmen und Unternehmensanteilen auf Basis möglichst realistischer Verkehrswerte ermittelt. Gesetzgeber und Finanzverwaltung haben mit dem vereinfachten Ertragswertverfahren eine Alternative zur Ermittlung des Verkehrswertes mittels der klassischen aufwändigeren Unternehmensbewertung geschaffen, um mit geringerem Aufwand einen realistischen Verkehrswert abzuschätzen. Ungeachtet dessen, steht den Unternehmen die Möglichkeit offen, anhand einer betriebswirtschaftlichen Unternehmensbewertung den Wert eines Unternehmens oder eines Anteils nachzuweisen.

Ermittlung des Verkehrswertes mit dem vereinfachten Ertragswertverfahren

Ausgangsgröße ist der durchschnittliche steuerliche Gewinn der letzten drei Jahre (Veranlagungszeiträume) vor dem Bewertungsstichtag. Bei der Ermittlung des Durchschnittswertes sind außerordentliche Aufwendungen bzw. Erträge zu eliminieren. Von diesem durchschnittlichen Gewinn der vergangenen drei Jahre wird eine Ertragssteuerbelastung von pauschal 30 % abgezogen.

Der auf diese Weise ermittelte „nachhaltige“ Gewinn wird derzeit mit einem Zinssatz von rd. 7,3 % abgezinst. Das bedeutet, ein fiktiver Erwerber erwartet eine dauerhafte Rendite (= Gewinn des Unternehmens) auf sein eingesetztes Kapital (= Kaufpreis für das Unternehmen) von 7,3% p.a. Das entspricht einem Kapitalisierungsfaktor 13,75, mit dem der vorgenannte Gewinn multipliziert wird. 

Der daraus kapitalisierte Ertrag wird um nichtbetriebsnotwendige Vermögenswerte bereinigt, d.h. nicht genutzte Betriebsimmobilien oder überdurchschnittliche Liquiditätsreserven werden hinzugerechnet. Verbindlichkeiten werden dagegen nicht abgezogen. Das Endergebnis entspricht dem Verkehrswert.

Schwächen des vereinfachten Ertragswertverfahren

Das vereinfachte Ertragswertverfahren arbeitet ausgesprochen pauschal und vergangenheitsorientiert und ist deshalb kein betriebswirtschaftlich anerkanntes Bewertungsverfahren.

Eine weitere Schwäche liegt in der Verwendung eines einheitlichen, nicht modifizierten Kapitalisierungszinssatzes. In der betriebswirtschaftlichen Unternehmensbewertung resultiert die Höhe des Kapitalisierungszinssatzes – neben dem allgemeinen Kapitalmarktniveau im Bewertungszeitpunkt – vor allem auch aus den unternehmensindividuellen sog. finanzwirtschaftlichen, branchen- und unternehmensspezifischen Risiken. 

Dagegen werden beim vereinfachten Ertragswertverfahrens vollständig eigenkapitalfinanzierte Unternehmen mit demselben Kapitalisierungsfaktor bewertet wie hoch verschuldete. Gleiches gilt für Unternehmen, die ein sehr stabiles und wenig konjunkturabhängiges Geschäftsmodell betreiben, und solchen, die in hoch riskanten und/oder volatilen Märkten aktiv sind. Diese beim vereinfachen Ertragswertverfahren fehlenden Differenzierungen führen idR zu verfälschten Unternehmenswerten.

Weitere Schwachpunkte sind das Ignorieren von Besonderheiten in Konzern- bzw. Gruppenstrukturen und die pauschale Berücksichtigung steuerlicher Effekte sowie die Annahme einer Vollausschüttung.

Fazit

Das vereinfachte Ertragswertverfahren ist einfach, aber pauschal und damit ungenau. Es kann ein erster Ansatzpunkt bei der Ermittlung der Erbschaft- bzw. Schenkungssteuer sein. Insbesondere kann das Verfahren genutzt werden, um ein erstes „Gefühl“ für eine potenzielle Erbschaft- bzw. Schenkungsteuer bei einer geplanten Übertragung von Anteilen zu erhalten. 

Zur Berechnung des wahren Wertes eines Unternehmens ist das vereinfachte Ertragswerterfahren dagegen nicht geeignet. Insofern ist von der Anwendung des Verfahrens abzuraten, v.a. bei Abfindungsklauseln in Gesellschaftsverträgen. Und auch bei der eigenen Standortbestimmung „Was ist mein Unternehmen wert?“ hilft es nicht weiter. Für diese Fälle sind Ertrags- und Cashflow-orientierte Verfahren sinnvoll.

Benedikt Kastrup ist Partner bei HLB Stückmann und Kooperationspartner von ebel&team.