
In unserer langjährigen Praxis haben wir bereits viele unterschiedliche Konstellationen von Familie und Unternehmen gesehen. Manchmal haben wir den Eindruck, dass die Familie das Unternehmen zusammenhält, und in anderen Fällen ist es das Unternehmen, welches als einziges Bindeglied, die Familie noch eint und dafür sorgt, dass es regelmäßigen Kontakt gibt.
Mit Familie meinen wir in diesem Kontext alle Gesellschafter, deren Partner und Kinder. Gibt es hier ein Besser oder Schlechter? In der Praxis sehen wir für beide Ausprägungen positive Beispiele, beides kann funktionieren. Doch wo liegen die Unterschiede und was ist zu beachten?
Nachfolgend haben wir erstmals unsere Beobachtungen zusammengefasst.
Was liegt vor: das Familien-Modell oder das Unternehmens-Modell?
Zur Unterscheidung beider Modelle dient folgende Frage: würde die Familie auch weiterhin in Kontakt bleiben, wenn das Unternehmen verkauft worden wäre? Wird die Frage mit ja beantwortet, ist die Familie der Kern und hält das Unternehmen zusammen („Familien-Modell“). Wird die Frage mit nein beantwortet, handelt es sich um ein „Unternehmens- oder Investment-Modell“, bei dem die Familie sich in erster Linie als wirtschaftlicher Partner begegnet.
Beim Familien-Modell haben wir in der Praxis folgende Merkmale gesehen:
- bis max. 4. Generation
- die meisten Familienmitglieder wohnen oder wohnten in der Vorgeneration räumlich nah beieinander
- es gibt bereits Familienrituale (z.B. gemeinsame Familienfeiern wie Geburtstage, Weihnachtstreffen etc.).
- die Partner und Kinder werden eng eingebunden
Dagegen haben wir beim Unternehmens- oder Investment-Modell folgendes beobachtet:
- höhere Generationsstufe mit einer höheren Zersplitterung
- große räumliche Trennung (bis hin zur internationalen Familie)
- keine oder wenig Berührungspunkte der Familie untereinander außerhalb der Gesellschafterversammlung/-treffen
- die Treffen werden als Pflicht wahrgenommen
- Unterschiedlichkeiten werden eher als erschwerend und nicht als Bereicherung empfunden
Herausforderungen des Familien-Modells
In diesen Fällen kämpft die Familie häufig mit einer sachgerechten Trennung zwischen der Familien- und der Unternehmensebene. Alles geht ineinander über und so werden Gesellschafterentscheidungen nach familiären Aspekten und im privaten Rahmen – gerne auch zwischen „Tür und Angel“ – getroffen. Andererseits spielt das Unternehmen auch bei privaten Anlässen (z.B. Geburtstagen) eine entscheidende Rolle und die Familie ist – meistens aus der Sicht der Angehörigen – niemals privat (vgl. auch den Blog meiner Kollegin Ursula Merckle vom 23. Oktober 2024 „Was sind die Unterschiede zwischen einer Unternehmerfamilie und einer „normalen“ Familie?“).
Folglich ist beim Familien-Modell das erste Ziel, eine Arbeitsebene der Gesellschafter zu schaffen, in der die Gesellschafter über wirtschaftliche Themen sachlich diskutieren können und zu einer gemeinsamen Entscheidung kommen. Die Gesellschafter müssen lernen, mit sachlicher Kritik umzugehen und andere Meinungen zuzulassen, ohne dass dies auf die persönliche Ebene überschießt. Eine kontroverse Diskussion auszuhalten und ein gemeinsames Ergebnis zu erzielen, ist hier eine große Herausforderung.
Hilfreich sind hier folgende erste Schritte:
- Unternehmensthemen werden in einem bestimmten Rahmen behandelt, der sich räumlich und formal (Agenda, Protokoll, To-Do-Liste etc.) von einem privaten Treffen unterscheidet.
- Hierfür gibt es vorab vereinbarte Verhaltens- und Kommunikationsregeln, um Missverständnisse auszuschließen bzw. zu verringern.
- Nur die Entscheidungsträger sitzen am Tisch (nicht alle anderen Familienmitglieder, sofern es keinen bestimmten Grund gibt, z.B. Vertretung, NxG als Gast).
- Die Gesellschafterversammlung wird aufgewertet und findet tatsächlich als solche statt. Darüber hinaus gibt es Gesellschaftertreffen (auch digital) zwecks Information. Damit haben die Fragen, die das Unternehmen betreffen, einen festen Platz und Entscheidungen werden nicht nebenbei an der Kaffeetafel während einer Geburtstagsfeier diskutiert.
Voraussetzung für die professionelle Handhabung ist natürlich eine passende Corporate Governance, die von allen gekannt und auch (zukünftig) gelebt wird.
Herausforderungen des Unternehmens- bzw. Investorenmodells
In diesem Modell ist im ersten Schritt die Corporate Governance auf den Prüfstand zu stellen und ggf. zu aktualisieren. Es ist wichtig, dass jedes Familienmitglied seine Rolle kennt und ausfüllt.
Leider neigen einige Familien in dieser Kategorie dazu, ein familiäres Band heraufzubeschwören, das nicht vorhanden ist. Hier ist es aus unserer Sicht hilfreich, die bestehende Distanz der Familienmitglieder untereinander zuzulassen und sie nicht als schlecht zu empfinden. Einfach mal etwas lockerlassen und sich auf die Gesellschafterthemen konzentrieren! Unsere Beobachtungen zeigen, dass diese Familien erst ein Erfolgserlebnis benötigen, um auch als Familie einen ersten Schritt zueinander machen zu können. „Wenn es im Unternehmen gut läuft, kann hieraus etwas Positives für die Familie entstehen“ ist das Credo.
Folglich ist erst der Rahmen für das Unternehmen zu schaffen und dieser dann durch die Gesellschafter auszufüllen:
- Zuerst sollten allen Gesellschaftern die Aufgaben der Geschäftsführung, des Beirats und der Gesellschafterversammlung sowie deren Besetzung, Rechte und Pflichten erläutert werden.
- Dann kann das Zusammenspiel der o.g. Gremien gemeinsam definiert und gelebt werden. Hierzu ist eine regelmäßige Information der Gesellschafter hilfreich, deren Inhalt/Ausmaß und zeitlichen Abstände vorab geklärt werden sollten.
- Ziel ist es, eine Akzeptanz dafür zu schaffen, dass nicht alle Familienmitglieder dieselbe Rolle haben, sondern nur einige Gesellschafter z.B. aufgrund ihrer Qualifikation oder eines Entsendungsrechts eines Stamms, im Beirat sind.
- Die Kommunikation zwischen den Gesellschaftern sollte intensiviert werden.
- Schließlich empfehlen wir, einen Modus oder ein Vorgehen für den Fall zu vereinbaren, wenn es zwischen den Gesellschaftern „knirscht“. Damit wird vermieden, dass Konflikte sich über die Zeit unnötig aufstauen.
Fazit
Wir werden sehen, ob unsere Beobachtungen sich verstetigen und wie wir als Folge am besten mit den unterschiedlichen Modellen umgehen. Auf jeden Fall ist es hilfreich, dass die Familie beide Modelle kennt und sich selbst einordnen kann.
Sollte es keine einheitliche Einordnung geben, wird ein Teil der Familie voraussichtlich auf mehr Nähe drängen, obwohl bei den anderen mehr Distanz gewünscht wird. Das Aufdecken dieser Diskrepanz dürfte schon einen beruhigenden Effekt bei der zukünftigen Ausrichtung als Inhaberfamilie haben.
