Nachgefragt...

Nachgefragt… Warum die Heranführung der NextGen nicht nur (aber auch) ein Thema von Steuern ist (Teil 2)

Dr. Karin Ebel

Aufgrund der zunehmenden Komplexität im Steuerrecht und dem Bedürfnis Steu­ern zu sparen, wird die Nachfolge nach wie vor in vielen Familien vorwiegend steu­erlich betrachtet. Steuern sind wichtig; sie sind aber nur einer von mehreren Bau­steinen bei der Nachfolge.

Nachdem meine Kollegin Dr. Maren Gräfe im letzten „Nachgefragt…“ des Jahres 2024 die wesentlichen steuerlichen Herausforderungen beim Generationswechsel ausführlich beleuchtet hat, fokussiert sich dieser zweite Teil auf die familiären Stolpersteine bei der Nachfolge. Insbesondere zeigen wir auf, wie der Startschuss bei der Heranführung der NextGen an ihre Rolle als Gesell­schafter oder Eigentümer des Familienvermögens frühzeitig gelingen kann.

Weshalb ein frühzeitiger Start wichtig ist…

Die erfolgreiche Übernahme der Eigentümerrolle – sei es im Hinblick auf das eigene Familienunternehmen oder des Familienvermögens – hat mehrere Komponenten. Hier sind Wissen, Interesse und persönlicher Einsatz sowie Rücksichtnahme auf die Interessen anderer Gesellschafter gefragt. Folglich sollte der Nachfolgeprozess

  • die Bindung an das Familienunternehmen bzw. Familienvermögen entwickeln,
  • die Motivation für die zukünftigen Aufgaben als Gesellschafter bzw. Vermögens­inhaber stärken sowie
  • auf die Übernahme von Verantwortung vorbereiten.

Um alle diese Punkte zu erreichen, benötigt es Zeit. Außerdem kann auch ein unge­planter Notfall eintreten, der die NextGen von einem Tag auf den anderen in die neue Rolle hineinkatapultiert.

…und was einem frühzeitigen Start im Weg steht

Ein wesentliches Hemmnis ist die mangelnde Kommunikation und Transparenz in­nerhalb der Familie über Fragen zum Familienunternehmen bzw. Familienvermögen. Gerne werden diese Themen aufgeschoben, da es um hohe Vermögenswerte und persönliche Interessen geht. Außerdem ist nie der richtige Zeitpunkt, um mit den Kindern über die Zeit zu sprechen, in denen die Eltern schwächer werden oder nicht mehr da sind.

Auch scheuen sich Eltern davor, ihren Kindern die Vermögenswerte offenzulegen. Hier besteht eine gewisse Sorge, dass Kinder hierdurch weniger mo­tiviert sind, ihr eigenes Leben zu gestalten. Schließlich wünschen sich die meisten Eltern, dass ihre Kinder unbeschwert und ohne Zwang ihren eigenen Lebensweg gehen.

Darüber hinaus erschweren individuelle familiäre Konstellationen den Einstieg in den Nachfolgeprozess. So sind nach unserer Beobachtung Patchworkkonstellatio­nen anfällig. Insbesondere die finanzielle Absicherung der zweiten Ehefrau ist ein kritischer Punkt: sind hierfür alle Kinder (auch die Kinder aus erster Ehe) in der Ver­antwortung? Und wer erbt das Vermögen der zweiten Ehefrau, das ihren Ursprung im Familienvermögen (zum Beispiel durch Nießbrauch) hat? Auch die Geschwisterrivalität, die in jeder Familie zu finden ist, spielt im Nachfolgeprozess eine besondere Rolle.

Wenn nicht alle Kinder gleichbehandelt werden und einzelne Kinder mehr Aufgaben und Einfluss bekommen (zum Beispiel als Bei­ratsmitglied), kann dies zu einem erheblichen „Knirschen“ in der Familie führen. Ins­besondere, wenn die meisten Anteile auf die Kinder übertragen wurden und sich die ältere Generation lediglich einen kleineren Anteil zurückbehalten hat (zum Beispiel 10 %), wird um die verbleibenden Anteile gebuhlt. Denn diese Anteile ermöglichen mehr Einfluss und sind ein Symbol dafür, dass der Begünstigte aus Sicht der Eltern eine wichtigere Rolle hat als die anderen. Um diese Konflikte vorerst zu umgehen, meiden Eltern gerne den geplanten Start in die Nachfolge.

Aber auch die zunehmende große geographische Distanz der Familie wirkt sich ne­gativ auf den Nachfolgeprozess aus. Die unterschiedliche räumliche Nähe zum Un­ternehmen oder Familienvermögen führt dazu, dass nicht alle Kinder in gleichem Maße an den Gesprächen und den einzelnen Schritten für die Nachfolge eingebun­den werden können. Dabei sind aus unserer Beobachtung die räumliche Nähe und damit verbunden die regelmäßigen – auch privaten – Treffen ein wichtiger Baustein für eine erfolgreiche Nachfolge.

Und zum Schluss erschweren auch die unterschiedlichen Fähigkeiten und Persön­lichkeiten der Kinder einen geordneten Start in die Nachfolge. Während einige Kin­der darauf brennen, mehr Informationen zu bekommen und auf eine aktive Gesell­schafterrolle zielen, sind andere Kinder darüber froh, dass die Eltern sich um alles kümmern. Dabei ist es wichtig, dass trotz der Unterschiedlichkeit und einer mögli­chen großen geographischen Distanz die Kinder frühzeitig lernen, in Zukunft we­sentliche Entscheidungen gemeinsam zu treffen.

Welche familiären Faktoren den Start beeinflussen

Der Nachfolgeprozess ist in jeder Familie anders und hängt aus unserer Sicht von folgenden Faktoren ab:

  • dem Alter der NextGen
  • dem Interesse bzw. den Kenntnissen der NextGen
  • der Bereitschaft der älteren Generation, die NextGen einzubeziehen und Verantwortung abzugeben
  • der Bereitschaft der NextGen, regelmäßig Zeit und Einsatz für die Nachfolge mitzubringen.

Welcher Einstieg zu welcher Familie passt

Hier unterscheiden wir, welcher Teil der Familie bzw. welche Generation (ältere Ge­neration und NextGen) im Hinblick auf den Nachfolgeprozess als „aktiv“ bzw. „pas­siv“ einzuordnen ist.

Sind beide Generationen aktiv, d. h. an dem Nachfolgeprozess sehr interessiert, kann sofort inhaltlich begonnen werden. Hier gilt es keine Zeit zu verlieren. Die Be­deutung des Nachfolgeprozesses muss nicht mehr erläutert werden. Die zu klären­den Punkte können offen adressiert und besprochen werden. In dieser Konstellation geht es um die sachliche Gestaltung der Nachfolge und die damit verbundenen nächsten Schritte.

Ist die NextGen aktiv, die ältere Generation dagegen passiv, muss Letztere für den Nachfolgeprozess sensibilisiert werden. Ein probater Ansatz könnte sein, den un­geplanten Notfall durchzuspielen. „Was wäre, wenn mir gestern etwas zugestoßen wäre?“ – Dieses Gedankenspiel zeigt auf, wie wichtig es ist, den Nachfolgeprozess anzugehen.

Im umgekehrten Fall, d. h. die jetzige Generation ist aktiv, die NextGen dagegen pas­siv, ist die NextGen für die Nachfolge zu sensibilisieren. Hier ist es wichtig, einen direkten Kontakt zur NextGen zu suchen und herauszufinden, weshalb sie passiv ist. Können diese Bedenken oder Hindernisse beseitigt werden, steht dem Nachfolge­prozess nichts im Weg. Bleibt dagegen die ablehnende Haltung der NextGen im Hinblick auf die Nachfolge, kann die Familie bzw. die ältere Generation frühzeitig andere Alternativen der Nachfolge überdenken.

Der letzte Fall, d. h. beide Generationen sind passiv mit Blick auf die Nachfolge, stellt eine besondere Herausforderung dar. Denn alle Beteiligten sind nicht bereit, den Nachfolgeprozess aktiv zu gestalten. Hier ist eine Überzeugungstätigkeit gefragt, zum Beispiel von Beiräten oder Fremdgeschäftsführern. Auch hier kann das Gedan­kenspiel „Was wäre, wenn mir gestern etwas zugestoßen wäre?“ helfen. Manchmal ist in der Familie auch einfach die Zeit für dieses Thema noch nicht reif. Wichtig ist nur, dass allen Beteiligten klar ist, dass sie wertvolle Zeit verschenken. Denn im Not­fall ist die NextGen auf sich allein gestellt.

Fazit

Der frühzeitige Beginn des Nachfolgeprozesses ist für alle Beteiligten wichtig. Der Einstieg in dieses Thema spielt dabei eine wichtige Rolle. Je nach Konstellation in der Familie kann der Nachfolgeprozess intern oder extern angestoßen werden. In manchen Fällen ist auch ein Einstieg über die steuerliche Situation erfolgreich. Es sollte dann jedoch nicht bei der steuerlichen Optimierung bleiben, sondern die Struktur muss in erster Linie zur Familie und dem Unternehmen bzw. dem Familien­vermögen passen.