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Nachgefragt...

Nachgefragt…Besteuerung inflationsbedingter Wertzuwächse bei Einkünften aus Kapitalvermögen?

By October 4, 2023October 11th, 2023No Comments

Worum geht es bei inflationsbedingten Wertzuwächsen?

Einkünfte aus Kapitalvermögen unterliegen in Deutschland der Abgeltungsteuer in Höhe von 26,375% (inklusive Solidaritätszuschlag, exklusive Kirchensteuer). Besteuert werden sowohl laufende Erträge (z.B. Zinsen und Dividenden) als auch Veräußerungsgewinne. Beides zusammen – laufender Ertrag und der abschließende Veräußerungsgewinn – ergeben die Gesamtrendite des jeweiligen Kapitalinvestments, d.h. den mit dem Investment erzielten Wertzuwachs.

Bei Anleihen, die bis zur Fälligkeit gehalten werden, besteht die Gesamtrendite ausschließlich aus den laufenden Zinsen, bei thesaurierenden Kapitalanlagen ausschließlich aus dem Veräußerungsgewinn, bei den meisten anderen Investments wird es sich um eine Mischkalkulation handeln.

Im Rahmen einer wirtschaftlichen Betrachtung wird üblicherweise zwischen dem nominalen und dem realen Wertzuwachs unterschieden. Der nominale Wertzuwachs errechnet sich aus dem Verhältnis des erzielten Ertrags zum eingesetzten Kapital. Demgegenüber erhält man den realen Wertzuwachs, indem man (vereinfacht) den nominalen Wertzuwachs um die Inflation kürzt.

Ein Beispiel von einem inflationsbedingten Wertzuwachs

Eine deutsche Staatsanleihe wird mit 2,8% p.a. verzinst. Die prognostizierte Inflationsrate für 2023 liegt bei 6,0% p.a. (Quelle: Statitsa). Während der nominale Wertzuwachs also bei 2,8% p.a. liegt, beträgt der reale Wertzuwachs 2,8% – 6% = -3,2% p.a. Aus dem nominalen Wertzuwachs wird ein realer Wertverlust.

Das deutsche Steuersystem unterscheidet nicht zwischen nominalem und realem Wertzuwachs. Zwar gilt in Deutschland der übergeordnete Grundsatz der Besteuerung nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit; dennoch unterliegen stets die nominalen Wertzuwächse der Besteuerung.

Fortführung des Beispiels

Somit wird die nominale Rendite von 2,8% der Abgeltungsteuer von 26,375% unterworfen. Dies führt zu einer Steuerlast von ca. 0,74%, sodass sich die nominale Rendite nach Steuern auf ca. 2,06% reduziert. Obwohl die nominale Rendite damit immer noch positiv bleibt, sinkt die reale Rendite um weitere 0,74% auf nun -3,94%. Die auf den nominalen Wertzuwachs erhobene Abgeltungsteuer erhöht somit einen ohnehin schon bestehenden realen Wertverlust und greift folglich die Vermögenssubstanz an.

Aus diesem Zusammenspiel zwischen Rendite, Inflation und Steuern lassen sich Rückschlüsse ziehen, in welcher Höhe eine Nominalrendite mindestens liegen muss, um nach Inflation und Steuern einen realen Werterhalt erreichen zu können („Break-Even-Rendite“). Die Formel hierfür lautet:

inflationsbedingter Wertzuwächse

Angewandt auf das vorangegangene Beispiel bedeutet dies:

Break-Even-Rendite = 6% / (1 – 0,26375) = 6% / 0,73625 = 8,15% (gerundet)

Fazit

Das deutsche Besteuerungssystem besteuert entgegen dem vorherrschenden Grundsatz der Besteuerung nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit nominale Wertzuwächse und damit Scheingewinne. Um (nur) den realen Wert von Kapitalvermögen erhalten zu können, muss in 2023 eine Vorsteuer-Rendite von 8,15% erzielt werden. Renditemindernde Kosten der Kapitalanlage (Depotgebühren, Transaktionskosten etc.) sind in dieser Rechnung noch nicht enthalten.

Geschrieben von Dr. Claudia Klümpen-Neusel. Claudia ist Partnerin bei gkn Gräfe Klümpen-Neusel Rechtsanwälte Steuerberater und Kooperationspartnerin von ebel&team.