
Im letzten Beitrag haben wir unseren neuen Ansatz zur Familienverfassung mit der familiären Kommunikationsfähigkeit als Ausgangsbasis sowie deren Inhalte und Auswirkungen dargestellt. Ergänzend hierzu möchten wir den zusätzlichen Nutzen aufzeigen, den die Erarbeitung einer Familienverfassung mit sich bringt:
- Da ist vor allem der Wissenstransfer, welcher über den gesamten Prozess auf zwei Ebenen stattfindet:
- zum einen durch den Austausch innerhalb der Inhaberfamilie über das Unternehmen und
- durch die ergänzenden Erläuterungen des Moderationsteams zu juristischen, steuerlichen oder sonstigen Themen.
- Die Familienmitglieder erhalten außerdem Gelegenheit, im Laufe der Diskussion ihren eigenen möglichen Beitrag und damit ihre zukünftige Position in Bezug auf das Unternehmen zu erkennen.
- Darüber hinaus lernen die Beteiligten, zwischen Familie und Unternehmen zu trennen und damit mehr Verständnis für Entscheidungen bezüglich des Unternehmens zu gewinnen.
Wissenstransfer
Viele Unternehmer nutzen die gemeinsamen Workshops, ihr über viele Jahre gewonnenes Wissen und ihre Erfahrungen den Kindern, also den künftigen Gesellschaftern zu vermitteln. Dabei geht es unter anderem um Themen wie das Geschäftsmodell des Unternehmens (“Was war in der Vergangenheit ursächlich für den Erfolg des Unternehmens und was können wir für die Zukunft daraus lernen? Wo liegen die Chancen und die Risiken in der Zukunft?“).
Dieser Wissenstransfer wird flankiert durch Erläuterungen des Moderationsteams zu den im Laufe des Prozesses auftauchenden rechtlichen, steuerlichen oder sonstigen Fragen. Insbesondere die gesellschaftsrechtlichen Regelungen und die erbschaftsteuerlichen Rahmenbedingungen werden häufig auf Wunsch der Familie durch das Moderationsteam erläutert. Nicht wenige Familienmitglieder verstehen erst hierdurch den Aufbau sowie das Aufgabenspektrum der Gesellschafter – ein wichtiger Punkt auf dem Weg zum verantwortungsvollen Gesellschafter.
Das dadurch gewonnene Wissen ist Voraussetzung dafür, dass die Familie überhaupt Entscheidungen zu den im Rahmen der Familienverfassung zu klärenden Fragen treffen kann.
Eigene Position erkennen
Die Mitglieder der Inhaberfamilie werden bei den vorgelagerten vertraulichen Einzelgesprächen häufig erstmalig mit ihrer künftigen Gesellschafterstellung und deren Auswirkungen konfrontiert und nach ihrer persönlichen Vorstellung diesbezüglich befragt. Dabei stellt sich mitunter heraus, dass die zukünftigen Gesellschafter eine sehr vage Vorstellung entweder vom Unternehmen selbst und/oder ihrer künftigen, damit verbundenen Rolle haben.
Durch das im Laufe des Prozesses neu erworbene Wissen – verbunden mit der stattfindenden Diskussion innerhalb der Inhaberfamilie – bietet sich den Familienmitgliedern die Möglichkeit, ihre Position als Gesellschafter und die daraus für sie resultierenden Rechte und Pflichten zu erkennen. Auf dieser Grundlage können sie verantwortungsvoll eigene Entscheidungen zu relevanten Fragen treffen, wie etwa „Bin ich bereit, die Pflichten als Gesellschafter anzunehmen und meine Rolle auszufüllen? Was muss ich dafür tun, um dieser Verantwortung gerecht zu werden? Gibt es Optionen hierzu und wie sehen diese aus?“.
Verständnis für Entscheidungen auf Unternehmensebene
Darüber hinaus fördert das im Verlauf des Prozesses vermittelte Wissen – auch um die unterschiedlichen Funktionsweisen von Familie und Unternehmen – das Verständnis für die im Rahmen der Unternehmensnachfolge zu treffenden Entscheidungen. Dies gilt bezüglich der Nachfolge in der operativen Führung, der Auswahl von Familienbeiräten aber auch bezüglich der Übertragung von Anteilen am Unternehmen. Die Entscheidung für einen Nachfolger bzw. eine Nachfolgerin aus mehreren Familienkandidaten bedeutet gleichzeitig auch eine Entscheidung gegen die anderen Kandidaten aus der Familie.
Wichtig ist das Verständnis für die unterschiedlichen Entscheidungsparameter hinsichtlich des Unternehmens (z.B. Qualifikation, Leistung) und der Familie (z.B. Gleichbehandlung der Kinder). Die Entscheidung auf Unternehmensebene ist losgelöst von dem persönlichen Verhältnis zwischen den Familienmitgliedern zu sehen. Die Trennung von Unternehmensthemen und familiären Fragen ist ein wesentlicher Punkt für eine erfolgreiche Unternehmerfamilie. Hierfür ist der Prozess für die Familienverfassung eine hilfreiche Unterstützung.
Fazit
Wenn es gelingt, diese drei Nebeneffekte – Wissenstransfer, Erkennen der eigenen Position und Verständnis für Entscheidungen – bei der Nachfolgegeneration als Zusatznutzen der Erarbeitung der Familienverfassung zu erzielen, stärkt das die Identifikation der Inhaberfamilie mit dem Unternehmen. Dies führt zu einer Stabilisierung des Fundaments, auf dem die Nachfolge und die Fortführung des Unternehmens oder des Vermögens durch die nächste Generation gelingen kann.
