
Als Psychologin, die sich auch mit Familienstrukturen beschäftigt, ist es faszinierend zu beobachten, wie unterschiedlich Familienkonstellationen und -dynamiken sein können, je nachdem, ob eine Familie „normal“ ist – also hauptsächlich privat agiert – oder ob sie eine Unternehmerfamilie ist, in der geschäftliche Interessen eine zentrale Rolle spielen.
Familienstrukturen unterscheiden sich stark je nach ihren individuellen Rollen und Lebenswelten. Zwei Modelle sind z.B. die „normale“ Familie und die Unternehmerfamilie, die in ihrer Dynamik, Entscheidungsprozessen und den Erwartungen an die Mitglieder große Unterschiede aufweisen.
Die “normale” Familie
Laut Heiko Kleve sind Familien „Sozialsysteme, die über verwandtschaftliche Abstammung und enge Gefühlsverhältnisse biologisch und emotional geprägt sind.“ Sie zeichnen sich durch einen gemeinschaftlichen Lebensvollzug, enge interpersonelle Bindungen und ein intimes Beziehungssystem aus. Die Hauptfunktionen einer normalen Familie sind die Erfüllung physischer und psychischer Bedürfnisse, die Erneuerung der Kräfte und das Erlernen von Kompetenzen, die für das soziale Miteinander erforderlich sind.
Im Kontext der modernen Gesellschaft ist die Familie hauptsächlich privat, und ihr Leben ist weitgehend von der beruflichen Welt getrennt. Das Familienleben findet in einem klar abgegrenzten räumlichen und zeitlichen Rahmen statt, und ihre Aufgaben liegen in der individuellen Entwicklung und der Bewältigung der Entwicklungsschritte, wie z. B. der Erziehung von Kindern, der Begleitung durch die Pubertät, dem Schulabschluss und später auch der Partnerwahl und dem Großwerden von Enkelkindern. Die Rollen sind klar definiert: Eltern sind Eltern, Kinder sind Kinder.
In der Familie wird jedes Mitglied in seiner Gesamtheit – mit allen Facetten der Persönlichkeit sowie physischen, psychischen und sozialen Bedürfnissen – integriert. Es herrscht vertraute Kommunikation, und jedes Mitglied wird gehört. Eltern spielen eine Schlüsselrolle in der kognitiven, emotionalen und sozialen Entwicklung ihrer Kinder. Diese lernen von den Eltern, wer sie sind, durch die Art und Weise, wie sie von den Eltern gesehen und bewertet werden. Die Fremdwahrnehmung durch die Bindungsperson wird so zur Selbstwahrnehmung des Kindes. In diesem Umfeld lernen Kinder, was als „normal“ gilt und was als „abweichend“ wahrgenommen wird.
Die Unternehmerfamilie
Eine Familie wird zur Unternehmerfamilie, wenn die Idee der innerfamiliären Weitergabe der Führungsverantwortung im Unternehmen aufkommt. Familienmitglieder übernehmen eine aktive Rolle als Eigentümer oder Führungskräfte und tragen damit Verantwortung für die Geschicke des Unternehmens. Hier liegt der Fokus nicht nur auf den familiären Beziehungen, sondern auch auf der unternehmerischen Dimension, die untrennbar miteinander verknüpft sind.
In der Unternehmerfamilie fällt der Blick der Eltern nicht nur auf den leiblichen Nachwuchs, sondern auch auf die potenziellen Nachfolger im Unternehmen.
Die Familie bewegt sich in drei relevanten Kontexten: Familie, Unternehmen und Eigentum.
Diese unterschiedlichen Welten mit verschiedenen Logiken muss die Unternehmerfamilie zusammenführen und miteinander in Einklang bringen. Ziel ist es, eine Balance von familiären Erwartungen und unternehmerischen Erfordernissen in passender Weise zu bewältigen.
Das Aufwachsen in einer Unternehmerfamilie bringt besondere Sozialisationsbedingungen mit sich. Es entsteht eine Pluralisierung der Lebenswelten, die in anderen Familien getrennt und unabhängig sind.
Die Unternehmerfamilie muss professionelle Strukturen und Entscheidungsprozesse entwickeln, um das Unternehmen erfolgreich zu führen und gleichzeitig als Familie zu funktionieren. Diese Familie benötigt klare Regeln und eine vernehmbare kollektive Stimme, um Entscheidungen im Sinne aller Beteiligten und des Unternehmens treffen zu können.
Die Hierarchie in einer Unternehmerfamilie kann stark durch die berufliche Rolle der Eltern geprägt sein. Eltern, die gleichzeitig Geschäftsführer oder Führungskräfte sind, tragen eine zusätzliche Autorität, die nicht nur in geschäftlichen Entscheidungen, sondern auch in familiären Angelegenheiten spürbar ist. Diese zusätzliche Machtposition kann die Familiendynamik stark beeinflussen.
Dies kann dazu führen, dass es weniger Raum für offene Diskussionen oder Konfliktbewältigung gibt, da die Eltern als unangefochtene Entscheidungsträger auftreten.
Herausforderungen für die Unternehmerfamilie
Unternehmerfamilien müssen sich aktiv mit den typischen Herausforderungen befassen, die durch die Verflechtung von Familie und Geschäft entstehen. Dazu gehört auch, der natürlichen Entfremdung zwischen Generationen und Familienzweigen entgegenzuwirken. Es ist wichtig, dass sich die Familie regelmäßig erneuert und sich als Großfamilie wiederfindet. Einige Familienmitglieder empfinden dies als bereichernd, andere als belastend.
Die Kommunikation in Unternehmerfamilien kann sich oft auf mehreren Ebenen gleichzeitig abspielen. So kann ein Gespräch zwischen Vater und Tochter sowohl auf familiärer als auch auf beruflicher Ebene geführt werden (z. B. als Chef und Nachfolgerin im Unternehmen). Dies wird von Schulz von Thun als „Mehr-Münder und Mehr-Ohren-Kommunikation“ beschrieben und birgt ein hohes Konfliktpotenzial. Daher sind klare Regeln für die Kommunikation zwischen privaten, unternehmerischen und eigentumsrechtlichen Themen unerlässlich.
Die drei Kontexte – Familie, Unternehmen und Eigentum – beeinflussen die Sozialisation, Erziehung und Lebensführung der Familienmitglieder. Unternehmerfamilien müssen sich mit spezifischen Herausforderungen auseinandersetzen, wie zum Beispiel:
– den Erwartungen der Familie und des Unternehmens,
– der Bewältigung großer Verantwortung,
– der Auseinandersetzung mit Konflikten und verletzten Gefühlen,
– der Entwicklung von Mechanismen, um ständige Herausforderungen zu meistern,
– der schwierigen Ablösung von der Familie,
– wiederkehrenden Fragen zur eigenen Identität und Rolle
– und dem Umgang mit Vermögen.
Eine weitere Besonderheit ist die Thematik, wie mit Familienmitgliedern umgegangen wird, die sich aus dem Unternehmen zurückziehen, aber weiterhin Teil der Familie bleiben.
Erfahrungen aus der Perspektive von Familienmitgliedern
Mitglieder von Unternehmerfamilien berichten oft, dass in ihrer Familie ständig über das Geschäft gesprochen wird, und reine Familienzeit selten oder gar nicht existiert. Sie fühlen sich oft als Begleiter des Unternehmens, ohne auf diese Rolle vorbereitet worden zu sein.
Entscheidungsprozesse sind emotional fordernd und aufwendiger als in normalen Familien, was die Beteiligten oft belastet. Zudem empfinden sie den Anspruch, gleichzeitig allen Anforderungen aus den verschiedenen Systemen gerecht werden zu müssen, als schwierig.
Fazit
Aus psychologischer Sicht sind die Unterschiede zwischen einer Unternehmerfamilie und einer normalen Familie tiefgreifend und beeinflussen das emotionale und mentale Wohlbefinden der Familienmitglieder.
In vielen Unternehmerfamilien sind diese besonderen Strukturen und Herausforderungen alltäglich aber oft nicht bewusst reflektiert.
Sobald jedoch Schwierigkeiten innerhalb der Familie auftreten, wäre das Bewusstsein für diese Unterschiede und deren Berücksichtigung entscheidend für das Verständnis und die Lösung dieser Konflikte. Dies öffnet die Tür für einen differenzierten Umgang und eine konstruktive Auseinandersetzung mit den besonderen Anforderungen einer Unternehmerfamilie.
