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Nachgefragt...

Nachgefragt . . . Vernichten die anhaltend hohen Zinsen Unternehmenswerte?

Worum geht beim Thema steigende Zinsen? 

Unternehmenswerte (hier iSv Ergebnisse aus Unternehmensbewertungskalkülen) spielen in Familienunternehmen eine große Rolle, bspw. bei der Besteuerung von Anteilsschenkungen oder bei der Ermittlung von Abfindungszahlungen.

Ein Unternehmenswert wird durch Abzinsung prognostizierter künftiger Ausschüttungen ermittelt. Insofern liegt die Vermutung nahe, dass steigende Zinsen automatisch zu sinkenden Unternehmenswerten führen müssen. Oder etwa doch nicht?

Wie so oft lautet die Antwort auch hier: Ja und Nein, wobei es in vielen Fällen wohl nicht zum Rückgang von Unternehmenswerten kommt. Denn: Die Zinsen steigen der­zeit vor allem wegen der anhaltend hohen Inflation. Und bei der Ermittlung der Unter­nehmenswerte müssen eben beide Parameter, steigende Zinsen und höhere Inflation, sorgfältig beim Unternehmensbewertungsmodell berücksichtigt werden.

So müssen zwingend eine höhere Inflation bei der Prognose von Umsatzerlösen und betrieblichen Kosten berücksichtigt werden. Können inflationsindizierte Kostensteige­rungen auch in der Zukunft auf die Kunden übergewälzt werden, steigen die Umsatz­erlöse und damit in der Regel auch die prognostizierten Gewinne einschließlich der daraus resultierenden Ausschüttungen.

Künftige Gewinne müssen niedriger prog­nostiziert wer­den 

Etwas anderes mag bei Unternehmen gelten, deren Geschäftsmodell durch hohe In­flationsraten oder steigende bzw. hohe Zinsen negativ beeinflusst werden. So kann man derzeit eine nicht unerhebliche Eintrübung der Konjunkturaussichten in der Immo­bi­lien- oder Bauwirtschaft in Folge der deutlich gestiegenen (Finanzierungs-) Zinsen be­obachten. Hier liegt es nahe, dass die künftigen Gewinne niedriger prog­nostiziert wer­den müssen; mit der Folge, dass die Unternehmenswerte allein schon deshalb sinken. Dieser wertreduzierende Effekt resultiert aber eben gerade nicht aus dem Bewertungs-Modell, sondern aus konjunkturellen Einflüssen.

Ähnliches mag für Unternehmen gelten, die eine hohe Schuldenlast tragen. Hier mö­gen sich – nach Ablauf von Zinsbindungen – deutlich höhere Aufwendungen und damit Ergebnisbelastungen allein aus dem veränderten Zinsniveau ergeben.

Neben den vielfältigen Einflüssen von Inflation, Verteuerungen und Zinssteigerungen auf die Prognose künftiger Ausschüttungen, verändert sich natürlich auch der Kapita­lisierungszinssatz. Insofern ist die eingangs zitierter Vermutung richtig. Eine Kompo­nente des Kapitalisierungs-Zinssatzes ist der sog. risikolose Zins, als Grundentgelt für die Überlassung von Kapital.

Auch wenn bei der Ermittlung auf z.T. langfristige Prog­nosen zurückgegriffen wird, führt ein steigendes Zinsniveau i.d.R. zu einer höheren risikolosen Zinskomponente. Das „verstärkt“ den Abzinsungseffekt und kann inso­weit Unternehmenswerte wertmindernd beeinflussen.

Fazit

Steigende Zinsen und eine anhaltend hohe Inflationserwartung beeinflussen das Unternehmensbewertungskalkül auf mannigfaltige Weise. Sofern inflationsin­dizierte Kostensteigerungen an Kunden weitergegeben werden können und es dadurch zu einer Ergebnissteigerung kommt, wirken sich die höheren Zinsen in der Regel nicht unternehmenswert-reduzierend aus.

Geschrieben von Benedikt Kastrup. Benedikt Kastrup ist Partner bei HLB Stückmann und Kooperationspartner von ebel&team.