
„Mediation funktioniert nicht.“ Solche Sätze hört man immer wieder – auch in Familienunternehmen. Dabei wurde Mediation einst gefeiert als der große Hoffnungsträger einer neuen, dialogorientierten Konfliktkultur. Ein Verfahren, das Klarheit schafft, statt Schuld zu verteilen – und dennoch scheitert es mitunter. Warum?
Ein lesenswerter Beitrag auf Focus Online vom 11. Februar 2025 versucht genau darauf Antworten zu geben. Darin benennt Christoph Maria Michalski eine ganze Reihe von Ursachen, die – so unbequem sie sind – zum Nachdenken anregen sollten.
Mediation ist unbequem – und genau das ist ihr Potenzial
Der vielleicht wichtigste Punkt: Wir Menschen scheuen oft den ehrlichen Dialog. Der Wunsch, „Recht zu behalten“ oder den Konflikt zu gewinnen, ist – leider – häufig stärker als die Bereitschaft zur Verständigung. Das jüngst bei Hanser Berlin erschienene Essay „Streiten“ von Svenja Flasspöhler ist ein typisches Beispiel für diese Sicht, fordert sie doch zum – respektvollen – Streit mit dem Ziel des Obsiegens auf.
Mediation verlangt das Gegenteil: innehalten, zuhören, sich selbst und das Gegenüber ernst nehmen – und genau das fällt uns schwer.
Hinzu kommt: Mediation wird bis heute häufig missverstanden. Der Mediationsprozess gilt vielen als „Kuschelkurs“, als harmoniesüchtiger Weg für Menschen, die den harten Auseinandersetzungen aus dem Weg gehen. Das Gegenteil ist richtig: Eine gute Mediation ist anstrengend, fordernd – aber auch klärend und entlastend.
Wenn Neutralität zur Herausforderung wird
Ein weiterer kritischer Aspekt betrifft die Professionalisierung der Mediationslandschaft. Die Ausbildungslandschaft ist heterogen, die Qualität der Angebote entsprechend uneinheitlich. Das Vertrauen in das Verfahren leidet, wenn Teilnehmende den Eindruck haben, die Mediation diene nur dem schönen Schein.
Dabei kann auch die berufliche Herkunft der Mediatoren eine Rolle spielen – etwa dann, wenn juristisch geprägte Denkweisen dominieren. Wer aus einem rechtsberatenden oder richterlichen Kontext kommt, bringt wertvolle Expertise mit – doch in der Mediation ist eine Haltung gefragt, die den Raum für Selbstverantwortung und Kooperation öffnet. Dies erfordert ein bewusstes Zurücktreten der bewertenden, richtenden Perspektive zugunsten eines prozessorientierten Miteinanders. Allparteilichkeit ist keine Selbstverständlichkeit, sondern tägliche Übung.
Was wir brauchen: eine neue Haltung zu Konflikten
Mediation ist nicht gescheitert – aber sie scheitert in der Praxis immer wieder.
Und das hat weniger mit ihr selbst zu tun als mit der Art, wie wir als Gesellschaft, als Organisationen und als Individuen mit Konflikten umgehen.
Wenn wir es schaffen, Mediation nicht als “letzten Versuch”, sondern als echten Wendepunkt zu verstehen, liegt darin enormes Potenzial – für tragfähige Lösungen und für mehr Menschlichkeit in der Art, wie wir einander begegnen.
Benedikt Kastrup ist Partner bei HLB Stückmann und Kooperationspartner von ebel&team.
